im Fluss der ZEIT

„Zeit ist nur dadurch, dass etwas geschieht,
und nur dort, wo etwas geschieht.“
[ERNST BLOCH, 1885-1977]

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WELCOME TO NOWHERE  – UNGESUNDE PHÄNOMENE DER GEGENWART

Leben nach Plan
Es geht um Pünktlichkeit, Taktung, Planung, logistische Optimierung, oft gegen die individuellen Bedürfnisse (zB die damit nicht kompatiblen unterschiedlichen Schlafbedürfnisse je nach Altersgruppenzugehörigkeit, nach Schlaftyp Eule vs. Lerche, nach Biorhythmus bzw. innerer Uhr); unberechenbare Lebendigkeit wird ersetzt durch das Aktivitäts-/Urlaubs-PROGRAMM, die Erinnerung wird delegiert an eine Software, am Ende steht der programmierte Mensch.

Tendenz X-Large – Masse vor Qualität
Zeit ist Geld in der Dienstleistungsgesellschaft: möglichst viel soll möglichst schnell erledigt werden: sprechen, hören, essen, erleben, sehen, erledigen, schaffen. Quantität geht vor Qualität.

Verlust der Zeit durch Verlust der Gegenwart durch Synchronizität
Möglichst gleichzeitig möglichst viel nebenbei erledigen, die Gedanken hängen fortwährend  planend in der Zukunft, wir sind überall und nirgendwo. Es kann kein Flow-Zustand entstehen. Wir verzeichnen eine hektische Geschäftigkeit, doch geschieht nichts wirklich. Achtsamkeit im Handeln fehlt auch, weil jedes Handeln hinsichtlich seines Nutzens beurteilt wird.  Folgen sind zum Beispiel Übergewicht und Verdauungsstörungen durch „Schnell-Nebenbei-Essen“, die Zeit geht verloren – es bleiben kaum Erinnerungen, durch das begrenzte Sich-Einlassen entsteht begrenzte Tiefe und Beziehungslosigkeit: in dem Moment, wo man sich für eine Sache, einen Menschen, einen Weg entscheidet, beginnt das Hadern mit der eigenen Entscheidung und die Angst, etwas zu verpassen.

Langsamkeit erzeugt Aggression
Die Frustrationstoleranz sinkt, die Ungeduld wächst, alles was unkalkulierbare Zeit braucht und das Rad sich langsamer drehen lässt, was ablenkt vom Programm wird als lästig empfunden: Beeinträchtigung jedweder Art – durch Krankheit, Behinderung, Gebrechlichkeit, Alterserscheinungen, Kinder, Stau im Verkehr, Wartezeiten, eine Auswahl treffen müssen … Der Aggressionspegel steigt.

Verlust der Pausen
Pausen, Langeweile, Leere, Schlaf, Warten, Essen bzw. simple alleinige Tätigkeiten werden als unproduktiver Zustand des „Zeitverlustes“ gesehen, erzeugen Nervosität, paradoxen Stress und werden möglichst reduziert oder vermieden: man ist permanent online, lässt Mahlzeiten aus, schläft weniger, alles ist durchgetimt ohne „Leerlauf“, der Mut zur Lücke ist weg und damit die Spontaneität, es kommt zum Burn out, im Sport zum Übertraining.

Keine Zeit für Zwischentöne
Die Standardisierung des Tuns durch zugestandene Zeit pro Aktivität führt zum Verlust der Buntheit, zum Verlust der Schattierungen, sie endet im Schwarz-Weiß-Denken. Wir verwenden eine Sprache ohne leise Zwischentöne, wir bringen die Dinge auf den Punkt: übrig bleiben Floskeln mit wenig Aussagekraft, Verkürzungen wie  Like vs. Dislike, Entweder-Oder, die selten der Vielfalt der Wirklichkeit gerecht werden.

. . . und wohin fließt Ihre Zeit ?